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Interview CEO

PETER ROTHWELL, HABEN SIE DIE ZIELE 2011 ERREICHT?

Wir müssen unterscheiden zwischen unseren Zielen zur Positionierung der Kuoni-Gruppe und den Finanzergebnissen. Strategisch ist Kuoni Ende 2011 deutlich besser positioniert. Insbesondere die Akquisition von Gullivers Travel Associates (GTA) mit einem hohen Geschäftsanteil in den Wachstumsmärkten, vor allem in Asien, hat Kuoni besonders vorangebracht. Die Finanzergebnisse konnten gesteigert werden. Auch organisch sind wir gewachsen. Wir haben die Erwartungen der Finanzwelt erfüllt. Hingegen verhinderten die zahlreichen negativen äusseren Einflüsse eine noch deutlichere Ergebnissteigerung. Kuoni ist heute ein grösseres und besser positioniertes Unternehmen als vor einem Jahr.

SIE BETONEN STETS DIE VERÄNDERTE POSITIONIERUNG VON KUONI. WO SEHEN SIE DIE VORTEILE GEGENÜBER ANDEREN UNTERNEHMEN IN DIESEM MARKT?

Das traditionelle Reiseveranstaltergeschäft in Europa ist stark unter Druck, und die Wachstumsaussichten sind beschränkt. Noch vor einem Jahr lag unser Anteil am Gesamtumsatz in diesem Bereich bei rund 60%. Heute liegt er bei rund einem Drittel. Dazu hat auch die Akquisition von GTA beigetragen. Den grössten Anteil unserer Aktivitäten haben nun die Geschäftsfelder der Zukunftsmärkte in der Division Global Travel Services sowie in der Division Emerging Markets & Specialists. Hier unterscheiden wir uns inzwischen sehr deutlich von unseren traditionellen Mitbewerbern.

WOLLEN SIE SICH VOM KLASSISCHEN REISEVERANSTALTER GESCHÄFT IN EU ROPA VERABSCHIEDEN?

Nein. In Skandinavien, der Schweiz, Frankreich und Grossbritannien sind wir profitabel. In Südeuropa und den Benelux-Ländern schreiben wir Verluste. Dies hat einerseits mit der wirtschaftlichen Lage, vor allem in Italien und Spanien, zu tun, andererseits verändern sich die Geschäftsmodelle. Unsere Aufgabe ist es, ein nachhaltig profitables Reiseveranstaltergeschäft in Europa zu betreiben.

HABEN SIE DEN INTERNETTREND IN DEN EUROPÄISCHEN REISEMÄRKTEN VERPASST?

Kuoni ist heute mehr denn je im Internet aktiv. Es gibt das Internetgeschäft im direkten Kundenkontakt, B2C, und das globale, onlinebasierte Reisedienstleistungsgeschäft mit Veranstaltern und Reisebüros, B2B. Gerade individuelle Buchungen, zum Beispiel auf unseren Datenbanken der Division Global Travel Services, erfolgen fast ausschliesslich übers Internet. Im traditionellen Reiseveranstaltergeschäft in Skandinavien haben wir 2011 fast die Hälfte aller Reisen im Internet verkauft. Im gesamten Reiseveranstaltergeschäft stieg der Anteil in den letzten drei Jahren von 16% auf 21%. In der Schweiz führten wir als erstes Unternehmen einen virtuellen Reiseveranstalter mit «Dynamic Packaging» ein. Zudem können Pauschalreisen über mobile Geräte wie beispielsweise Smartphones gebucht werden. Die Internetangebote wurden ausgebaut und verzeichnen steigende Buchungszahlen. Einfache Reiseprodukte eignen sich für das Internet. Für andere, sehr individuelle und beratungsintensive Reisen stehen aber unsere Reisebüros zur Verfügung. 2011 haben wir dieses Netz deutlich ausgebaut. Wir sind da, wo uns die Kunden mit den entsprechenden Reisebedürfnissen suchen: im Internet, im Callcenter und in den Reisebüros.

SIE ERÖFFNEN WEITERE REISEBÜROS. WIE BEURTEILEN SIE DIE ZUKUNFT VON REISEBÜROS?

Reisebüros wird es immer geben. Ihre Aufgaben verändern sich jedoch. Menschen werden für ihre Ferienwünsche immer den persönlichen Kontakt suchen, vor allem für anspruchsvolle und komplexe Reiseprogramme. Mit der heutigen Informationsflut und knappen zeitlichen Ressourcen benötigen die Konsumenten auch Einordnung und Expertise und wünschen Gewissheit, dass eine Reise reibungslos abläuft. Unsere 12 000 Mitarbeitenden weltweit ver- fügen über ein enormes Wissen, das wir unseren Kunden zugänglich machen möchten.

INTERNETAUSBAU, REISEBÜROERÖFFNUNGEN, NEUE BERATUNGSMODELLE – WIE WIRKTE SICH DIES 2011 AUF DEN DIREKTEN KUNDENKONTAKT AUS?

Die Nettoerlös-Anteile im Reiseveranstaltergeschäft sind 2011 im direkten Kundenkontakt weiter gestiegen von 56% auf 59% . Die eigenen Reisebüros erhöhten den Anteil aufgrund der zahlreichen Neueröffnungen deutlich von 11% auf 13%. Verkäufe über unsere Callcenter lagen bei 13%.

KUONI WEIST STETS AUF DIE STARKE POSITION IN ASIEN HIN. WARUM IST ASIEN FÜR KUONI SO WICHTIG?

In Asien liegen die grössten Wachstumsmärkte. Immer mehr Menschen können sich Reisen leisten. Vor 50 Jahren begann Kuoni in Japan Gruppenreisen nach Europa zu verkaufen. Ein Geschäftsfeld, das in Asien sehr erfolgreich ist. 1996 stieg Kuoni in den indischen Markt ein, wo wir der führende Reiseveranstalter sind. Unsere Destination-Management-Aktivitäten in Asien wurden ebenfalls kontinuierlich ausgebaut. Und 2011, mit der Akquisition von GTA, haben wir unsere Stellung in Asien markant ausgeweitet. Die Division Global Travel Services erwirtschaftete 2011 rund 45% der Nettoerlöse in Asien/Pazifik. In Hongkong/China sind wir ebenfalls aktiv.

BUCHEN DENN DIE MENSCHEN IN ASIATISCHEN LÄNDERN FERIEN ANDERS ALS EUROPÄER?

Anders als damals in Europa sind heute neue Technologien gleich für die ersten Reisepläne in den asiatischen Märkten verfügbar. Darum spielen das Internet und der Besuch von Reisebüros mit direktem Online-Datenbankenzugriff eine wichtige Rolle. Flüge, Hotels, Exkursionen, Restaurants werden individuell und direkt in den Datenbanken gebucht. Bei jeder Buchung ist Kuoni für den Konsumenten zwar nicht immer ersichtlich, doch wir sind ein wesent- licher Teil bei der Schaffung des Angebots. Dieses B2B-Geschäft verzeichnete 2011 zweistellige Wachstumsraten. Auch das Buchungsverhalten der Konsumenten in Europa und Nordamerika verschiebt sich verstärkt in diese Aktivitäten. Wir werden auch künftig an diesem Wachstum weltweit teilhaben.

DAS GRUPPENREISEGESCHÄFT DER DIVISION GLOBAL TRAVEL SERVICES WAR 2011 AUS ASIEN EIN WACHSTUMSTREIBER. WARUM FUNKTIONIERT DIESES GESCHÄFT SEIT 50 JAHREN?

Wenn Kunden aus Asien erstmals eine lange Reise unternehmen, fühlen sie sich in einer Gruppe bestens betreut und geborgen. Die eigene Sprache, das gemeinsame Interesse an Destinationen und Themen sowie die heimische Küche, die auf Reisen geboten wird, spielen ein wichtige Rolle. In Anbetracht von Millionen Menschen, die sich erstmals Reisen leisten können und in kurzer Zeit sehr effizient grosse Distanzen zurücklegen wollen, ist das Potenzial sehr gross. Diese Konsumenten werden aber auch erfahrener und buchen noch individuellere Reisen. Hier hat Kuoni die Möglichkeit, ihnen Hotels, Transfers, Exkursionen, Stadtrundfahrten oder anderen Landleistungen anzubieten. Kuoni hat die Chance, Menschen auf der ganzen Welt auf ihrem Reiselebenszyklus zu begleiten.

IM PORTFOLIO VON KUONI BEFINDET SICH AUCH EINE WAHRE PERLE – VFS GLOBAL. WAS HAT DIES MIT IHRER KERNKOMPETENZ «REISEN» ZU TUN?

VFS Global war eine Geschäftsidee, die 2001 in unserem indischen Markt entstand. Sie unterstützt und beschleunigt Regierungen und Botschaften in der administrativen Abwicklung zur Erteilung von Visa. VFS Global verzeichnete auch 2011 ein starkes Wachstum und ist sehr profitabel. Das Unternehmen mit über 526 Büros in 62 Ländern entlastet einerseits Behörden in Bezug auf Arbeit, Kosten und Sicherheitsbedenken, andererseits wurde der Komfort für die Antragsteller mit modernen Visa-Büros und geografischer Nähe gesteigert. Im weitesten Sinne hat eine Visa-Erteilung immer mit Reisen zu tun. Eine direkte Verbindung zu unseren anderen Geschäftsfeldern gibt es aber nicht.

VIELE EREIGNISSE AUF DER WELT HATT EN 2011 EINEN NEGATIVEN EINFLUSS AUF DEN TOURISMUS. KANN EIN RE ISEUNTERNEHMEN EINE PLANUNG LÄNGERFRISTIG NOCH UMSETZEN?

Gerade hier liegt der grosse Vorteil Kuonis gegenüber anderen Unternehmen der Branche. Wir sind weltweit geografisch breit abgestützt. Unsere Geschäftsfelder sind besser denn je ausbalanciert. Kuoni ist finanziell gesund, und wir besitzen praktisch keine Flugzeuge und keine Hotels. Eine Krise an einem Ende der Welt bringt Kuoni nicht in Schieflage. Zudem sind wir sehr krisenerprobt. Ja, 2011 war ein schwieriges Jahr. Die arabische Revolution, Fukushima, die europäische Schuldenkrise, Naturkatastrophen – all dies hat uns sehr gefordert. Andererseits hat es unseren Veränderungsprozess auch beschleunigt.

WO WIRD KUONI ENDE 2012 STEHEN?

Wir haben in den letzten drei Jahren und vor allem 2011 die Grundsteine für eine nachhaltige Zukunft gelegt. Kuoni ist heute ein anderes Unternehmen als je zuvor. Wir besitzen das Wissen, den Ehrgeiz und die Innovationskraft, unsere neue globale Position weiter auszubauen. Auch wenn Ereignisse ausserhalb des Unternehmens, wie 2011, unberechenbar bleiben, verfolgen wir unseren Veränderungsprozess kontinuierlich weiter.